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Artikel: Bruder Chaos und seine Freunde - Wenn unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinanderprallen…

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Dienstag, 19:23h: Seid 23 Minuten läuft das Vorbereitungstreffen für den Teenkreis. Alle Mitarbeiter sind schon da, bis auf Freddy. Einer der Mitarbeiter ruft bei Freddy zu Hause an, um festzustellen, dass er noch vor der Glotze hockt und das Vorbereitungstreffen mal wieder vergessen hat. Seine letzten Worte am Telefon: „Ich schmier mir nur noch schnell 'ne Scheibe Brot und dann komm ich … wo sind eigentlich meine Fahrradschlüssel…?“

Freitag, 17:57h: Leicht abgehetzt erscheint Freddy mit einem Witz auf den Lippen im Teenkreisraum. Alle Mitarbeiter und die meisten Teenies sind schon da. In 3 Minuten beginnt offiziell der Teenkreis und Freddy muss nur noch schnell ein Paar Stationen für die Bibelarbeit nachher aufbauen.

Seit mehr als 10 Jahren bin ich mittlerweile an verschiedenen Orten in der Teenarbeit aktiv. Solche Situationen habe ich im Lauf der Jahre immer wieder erlebt: „Chaostypen“, die chronisch zu spät oder auf den letzten Drücker kommen, fast immer irgendwas vergessen haben und schnell noch etwas improvisieren müssen. Und manchmal bin ich selber einer von ihnen.
Solche Chaostypen treiben nicht nur den Blutdruck, sondern oft auch den Frust der anderen Mitarbeiter nach oben. Denn abgesehen von den offensichtlichen Schwächen, sind solche Menschen dafür enorm kreativ, spontan – und die Teenies lieben sie. Das kann manche eher geordnete, strukturierte Mitarbeiter verrückt machen.

Warum sind solche Chaostypen eigentlich so? Was könnte helfen, als „Betroffner“ damit besser zu Rande zu kommen? Und was sagt die Bibel über das Thema Chaostypen?

Meine Suche nach eher chaotisch veranlagten Menschen in der Bibel gestaltete sich sehr schwierig, denn die meisten der Menschen, mit denen wir uns klassischerweise in Andachten oder Predigten beschäftigen, waren wohl eher keine Chaosmenschen. Nehmen wir z.B. im Alten Testament Daniel, der als junger Mann nach Babylon verschleppt wurde: das scheint ein absolut strukturierter und disziplinierter Mensch gewesen zu sein. Genauso wie auch Nehemia, der den Aufbau der Stadtmauer in Jerusalem organisierte. Ähnlich ist es aus meiner Sicht bei Abraham, Mose oder Jakob. Nehmen wir mal eine Person aus dem Neuen Testament: Paulus. Auch er scheint ein sehr zielgerichteter und organisierter Mensch gewesen zu sein. Ähnlich schätze ich Levi (Matthäus) ein, der eine Art vorzeitlicher Beamter war und am Zoll saß, oder Lukas, der von Beruf Arzt war und dessen Anliegen es war, akribisch, peinlich genau, die Ereignisse rund um das Leben von Jesus aufzuschreiben (Lk 1,1-4). Von Jesus selber ganz zu schweigen.

Irgendwie scheint Gott eine Vorliebe für Ordnung und „ordentliche“ Menschen zu haben. Warum hat er sonst am Anfang der Welt aus dem Tohuwabohu (1.Mose 1,2: Die Erde war ein tohuwabohu) eine wunderbar geordnete Erde gemacht? Warum schreibt Paulus sonst davon, dass bei uns alles ordentlich zu gehen soll (1.Kor 14,40) und sich freut, wenn er unsere Ordnung sieht (Kol 2,5). Und warum sonst ist es scheinbar so mühsam, Chaostypen in der Bibel zu entdecken?

Jeder von uns hat so seine eigene Persönlichkeit, sein Temperament, seine Art und Weise, wie er (und natürlich auch sie) das Leben und die Umwelt wahrnimmt. Ein griechischer Arzt mit dem Namen Galen (129-199 n.Chr.) hatte ein Art System entwickelt, wie er versuchte, Menschen einzustufen. Und zwar war er der Meinung, dass sich das Temperament eines Menschen aus dem Verhältnis seiner „Körpersäfte“ ergibt. Er teilte demnach die Menschen in 4 Gruppen ein: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Später entwickelten andere Wissenschaftler diese „Temperamente-Lehre“ weiter. Fritz Riemann stellte z.B. die Frage danach, was den Menschen Angst macht und ordnete sie danach in 4 Gruppen ein (depressiv, schizoid, zwanghaft, hysterisch). Wieder ein anderer, William Marston, fragte danach wie Menschen ihr Umfeld wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Daraus entwickelte sich das DISG-Modell (dominant, initiativ, stetig, gewissenhaft). Diese Grundstrukturen unserer Persönlichkeit oder unseres Temperaments bringen wir mit, die liegt ganz tief in uns. Somit auch der Hang zum chaotischen.

Die „Chaosmenschen“, mit denen ich bis jetzt zu tun hatte (einschließlich meiner selbst) waren nach solchen Modellen meistens Sanguiniker, hysterische Persönlichkeiten oder haben einen hohen initiativen Anteil. Das heißt sie waren bzw. sind meistens schnell von irgend etwas begeistert, redselig, unternehmungslustig, spontan, kreativ, improvisierend, halten Versprechungen nicht ein, bringen Arbeiten nur mühsam zu Ende, sind fröhlich und beliebt, sprunghaft und stärker darin Impulse zu setzen, als beständig an etwas zu bleiben.

Dass Chaosmenschen manch anderen ihrer Zeitgenossen und Mitarbeiter das Leben manchmal schwer machen liegt also nicht daran, dass sie daran Spaß haben, sondern es liegt an der Persönlichkeitsstruktur, die sie haben. Und dafür können sie erst mal nichts. Aber man muss auch bei ihnen zwischen Persönlichkeitsstruktur und Charakter unterscheiden. (In der Literatur, die ich bis jetzt zu diesem Thema gelesen habe, werden Persönlichkeit und Charakter nicht immer gleich verwendet, bei manchen Autoren bezeichnen sie manchmal das genaue Gegenteil. Einmal ist davon die Rede, dass die Persönlichkeit gegeben ist und der Charakter später gebildet wird und über unser Handeln entscheidet, und an anderen Orten ist es genau umgekehrt: der Charakter ist gegeben und die Persönlichkeit wird später gebildet.)
Einen Hang zum Chaos zu haben hat mit der Persönlichkeit zu tun, ihn auszuleben ist eine Sache des Charakters.

Nach dem was ich bis jetzt über Petrus weiß, würde ich ihn als einen Chaosmenschen vermuten. Er war sprunghaft, redselig, schnell begeistert und öfters inkonsequent. Trotzdem hatte Jesus ihn ganz bewusst in seine Truppe aufgenommen und ihm im Laufe der Zeit sogar einen besonderen Platz unter den Jüngern zugewiesen.

Das ist einerseits eine gute Nachricht für alle Chaostypen unter uns Mitarbeitern. Aber auch eine starke Herausforderung. Jesus wollte diesen initiativ-hysterischen Sanguiniker. Aber er wollte auch, dass Petrus sein Wesen, seine Persönlichkeitsstruktur zur Ehre Gottes einsetzte. Und das hat etwas mit Charakter zu tun. Als chaotischer Mensch habe ich Stärken und Schwächen. Deswegen möchte ich, dass ich meine Stärken (Kreativität, Kommunikationsfreudigkeit, Begeisternd) zur Ehre Gottes und für sein Reich einsetze/auslebe – und das andere unter meinen Schwächen (Sprunghaftigkeit, Ungenauigkeit, Unpünktlichkeit) möglichst wenig zu leiden haben.

Was Chaosmenschen helfen kann, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren und sich von ihren Schwächen nicht bestimmen zu lassen, ist eine Vision für das eigene Leben zu haben. Ein Ziel zu haben, wofür man leben will (das gilt übrigens für alle anderen Persönlichkeitsstrukturen auch).
In Sprüche 29,18 steht: „Wo keine Vision, wo keine Perspektive ist, da wird das Volk wild und wüst!“ Wo ein Mensch keine Vision für sein Leben hat, kein Ziel für das man leben will, da gibt es auch kaum einen Grund, gegen seine Schwächen anzugehen.

Chaostypen sollten sich also ein Ziel für ihr Leben erarbeiten. Z.B. so etwas wie: „Mein Leben soll dazu beitragen, dass Menschen zum Glauben kommen!“ oder „Ich will mit meinem Leben Gott ehren und nach besten Möglichkeiten an seinem Reich mitbauen!“ Ich habe für mich persönlich insgesamt 7 solcher Sätze formuliert (ein „7-Punkte-Manifest“), die mir immer wieder helfen, mich gegen meine Schwächen zu erheben und an meinen Stärken zu arbeiten.

Wer mit Chaostypen zusammenarbeitet, sollte bei ihnen mal nachfragen (natürlich sehr liebevoll! ), was denn ihr Lebensziel ist, was sie eigentlich (durch ihre Mitarbeit) wollen. Und sie unter Umständen dann daran wieder erinnern, um ihnen zu helfen, sich immer wieder neu zu fokussieren.

Als abschließenden Ratschlag noch zwei Dinge: falls ihr es in eurem Mitarbeiterteam noch nicht gemacht habt, empfehle ich euch mal einen „DISG-Test“ oder etwas Vergleichbares zu machen (z.B. Explore!-Entdecke deine Berufung; Das 1x1 der Persönlichkeit o.Ä.). Das hilft euch besser zu verstehen, warum jeder so ist, wie er ist. Und formuliert als zweites ein Lebensziel und tauscht darüber aus. Ob ihr dabei z.B. die EC-Grundsätze
(1. Entschieden für Jesus Christus
Persönliche Hingabe, offenes Bekenntnis und christusgemäße Lebensgestaltung
2. Verbindliche Zugehörigkeit zur örtlichen Gemeinde
Aktive Beteiligung am Leben und Dienst der EC-Jugendarbeit und der Gemeinde
3. Sendung in die Welt
Missionarischer, diakonischer und sozialer Dienst für Christus im täglichen Leben
4. Verbundenheit mit allen Gliedern der Gemeinde Jesu Christi
Förderung lebendiger Gemeinschaft unter allen, die an Jesus Christus glauben.)

als Vorlage nehmt, oder drei oder sieben Leitsätze formuliert ist dabei jedem selbst überlassen. Es hilft sich gegenseitig daran zu erinnern, wozu ihr angetreten seid.

Ein Artikel aus dem Magazin TEC. Autor Karsten Hüttmann.
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Anmerkungen zum Artikel Bruder Chaos und seine Freunde - Wenn unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinanderprallen… | Selbst was schreiben

Bruder Chaos und seine Freunde - Wenn unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinanderprallen…

Kooperation mit der Zeitschrift tec aus dem Born-Verlag

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