Hallo!

„Wie gehts dir?“, „Wie läuft so?“, „Was machste so?“ – alles typische Fragen, wenn man einen Bekannten/ eine Bekannte trifft. Aber erwartest du wirklich eine andere Antwort als „gut“, oder „muss ja“? Ich meistens nicht, ehrlich gesagt.

Was wäre, wenn mir jemand antworten würde: „Beschissen gehts mir. Ich leide wie ein Hund. Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Mein Leben ist ein Trümmerhaufen.“?

Ich glaube, damit käme ich spontan gar nicht klar.

Wir sind es nicht gewohnt, über Not und Leid zu sprechen … weder über unseres noch über das von anderen … wir wollens lieber locker, leicht, lustig, schön.

Ist ja auch verständlich irgendwie. Aber so ist das Leben halt oft nicht.

Da sitzen wir alle in einem Boot.

Warum das ermutigend ist, erfährst du du in dieser Jugendleitermail.

Dein Stephan und Heiko

1. Ein Wort zum Nachdenken

Hebr 4, 14 (NGÜ) Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben, der den ganzen Himmel ´bis hin zum Thron Gottes` durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes – , wollen wir entschlossen an unserem Bekenntnis zu ihm festhalten.
15 Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, ´allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass` er ohne Sünde blieb.
16 Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

2. Das Nagelboot

„Wir sitzen alle in einem Boot!“

Von Günther Uecker gibt es ein sehr eindrückliches Kunstwerk – das Nagelboot (schau es dir hier: http://pax-christi-krefeld.de/event/kulturforum-am-museumssonntag/ einmal an).

Mit den ganzen Nägeln kann es sicher nicht lange über Wasser bleiben.
Und schon der Anblick tut weh. Wer will, wer kann denn darin sitzen?

Dieses Boot mit Nägeln wurde im Jahr 1980 für einen Kunstwettbewerb zum Thema „Kreuz“ geschaffen. Es sieht nicht wie ein herkömmliches Kreuz aus. Aber zwei Holzbalken gehören doch dazu. Sie liegen mit zahllosen Nägeln bestückt neben dem Boot. An der Wand darüber hängt das „Tuch der Barmherzigkeit“. Es könnten auch die Balken und das Tuch für das Segel sein …

Im Fall des Nagelbootes hat der Künstler speziell an die Menschen in Mittelamerika gedacht. Die heutigen Maya sehen das Boot als Zeichen ihres Volkes an. Unter ihnen hat der Künstler selbst geraume Zeit gelebt. Ihnen hat er auch den Titel des Kunstwerkes gewidmet: Chichicastenango. So heißt eine Stadt in Guatemala. Im jahrzehntelangen Bürgerkrieg wurde Chichicastenango zum Synonym für die Schrecken von Diktatur und Völkermord. Ungezählt sind die unschuldigen Toten bis heute. Vor allem traf es die indigene Bevölkerung. Unter ihnen auch viele Geistliche, sowie Mönche und Nonnen, die sich für Gerechtigkeit einsetzten.

Christus wurde in Versuchung geführt wie wir, heißt es im Hebräerbrief (4,15). Der Verfasser dachte dabei wohl an Jesu Leidensweg, ans Kreuz. Geschrieben wurde der Brief in einer Zeit, in der Christinnen und Christen bedroht wurden. Sie sollten trotz Bedrängnis festhalten am Bekenntnis (Hebr 4,14 und 10,23) – festhalten auch an der Überzeugung, dass Gott liebt und dass Versöhnung die Welt verändern kann. Wie schwer ist das durchzuhalten, wenn die Unmenschlichkeit überhandnimmt! Wie schwer ist das mit und in einem Nagelboot.

Aber: „Wir sitzen alle in einem Boot!“ – und sind gefordert Mitleiden zu können, Mitleiden zu wagen, der Barmherzigkeit zu trauen. Wie Christus, der Mitleid hat und mit gelitten hat (Hebr 4,15).

Das bedeutet aber auch: Das eigene Leid wahrnehmen und sich anderen damit offenbaren. Sich anderen zumuten. Mitleid erfahren.

Allein, sich in dieses Boot hineinzudenken, ist ja schon unangenehm. Leiden, Schmerz und Ohnmacht sind schwere Erfahrungen, die menschliche Allmachtsphantasien in Frage stellen. Darum schauen auch viele Menschen weg. Sie ertragen es nicht, sich mit fremdem Leid zu beschäftigen. Wollen dieses Leid nicht zugemutet bekommen. Oder sind der Meinung, dass sie in ihrem eigenen Leben ein Recht haben auf Glück, auf Gesundheit, auf Wohlstand. Es ist schwer, Leiden als Bestandteil des Lebens zu akzeptieren. Und doch: „Wir sitzen alle in einem Boot!“

In der Passionsgeschichte Jesu steht das Leiden im Zentrum.
Das eigene Leid.
Das Leid der anderen.
Und der Leidensweg Jesu: Sein Abschied von den Jüngern, der Verrat, seine Kreuzigung.

Jesus saß mitten im Nagelboot. Er hat sich sein Leiden anmerken lassen. Hat Blut und Wasser geschwitzt, gezittert vor Angst. Jesus mutet sich uns in der Passionsgeschichte bis heute zu in seinem Leid.

Leiden. Wenn der Leib von Schmerzen gequält wird, die Seele von Angst und Sorgen zerfressen, wenn eine Beziehung zerbricht, eine Arbeitsmöglichkeit gekündigt wird, ein Schicksalsschlag die Familie getroffen hat, wenn Strukturen ungerecht sind, unterdrücken und und und. Passion zerstört die Illusionen von einem heilen Leben.

„Wir sitzen alle in einem Boot!“ Das tut weh. Das sucht sich niemand freiwillig aus. Die Versuchung ist groß, das Herz hart zu machen oder wegzuschauen. Und für die, welche hinsehen, ist die Versuchung groß, daran zu verzweifeln.

Und doch gilt die Einladung sich einander zuzumuten. Leiden wahrzunehmen, auszuhalten – sich gegenseitig zu tragen, mitzuleiden und von Gott getragen zu wissen.

Es braucht einen neuen Blick und ein neues Herz – einen Blick, der gestärkt wird vom Mit-leiden Christi und ein Herz, das sich füllen lässt vom Geist seiner Liebe.

Weil Jesus gelitten hat – unsere Qual und Schmerzen mit erlitten hat – kann sein Leiden unseres berühren, wenn wir es zulassen. wenn wir es es wahrnehmen und uns ihm zumuten.

Die Erfahrung des Leidens gehört zur Fülle des Lebens.

Die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens ist (nur) auszuhalten mit der Hilfe Gottes. Weil Passion und Ostern zusammen gehören, können sich Menschen im Leid bewegen, ohne sich darin zu verlieren.

„Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken“, dichtet Christian Fürchtegott Gellert.
Was für ein Bild für dieses Nagelboot. Es tut weh, darin zu sitzen und es wird auf Grund der vielen Löcher wohl irgendwann kentern – aber wir können uns in Gottes Liebe versenken.
Liebe, die uns umgibt.

Und wie? Indem wir uns vom Leiden Jesu anrühren lassen.
Jeder kennt Leiden aus seinem eigenen Leben. Mal mehr mal weniger schlimm, mal auf dem Rand des Nagelbootes, mal mitten drin.

Wo leidest du gerade? Wo fühlst du dich, wie im Nagelboot? Wem mutest du dich zu? Welchen Menschen? Wie Gott?
Wo leiden andere in deinem Blickfeld? Wer sitzt mit dir im Nagelboot? Dürfen sie sich dir zumuten? Wissen sie das? Kannst du mitleiden?

Wie nimmst du Jesu Leiden wahr? Lässt du es an dich heran, was da geschehen ist? Darf Jesus sich dir zumuten mit seiner Passionsgeschichte?

Und lässt du zu, dass sein Leiden auch deines berührt?

(Heiko Metz)

3. Tipp für die Praxis

Ist dein Mitarbeiterkreis ein Ort des Mit-leidens? Seid ihr euch dessen gewiss, dass ihr alle in einem Boot sitzt?
Dürft ihr euch da gegenseitig einander zumuten, wirklich vorkommen mit allem, das euch leiden lässt? Tragt ihr euch gegenseitig in der Gewissheit, dass Gottes Liebe größer, stärker und wesentlicher ist, als alle Not?

Ob ihr dazu in den nächsten Mitarbeiterrunden einmal bewusst Zeit einräumt? Zum Austausch, zum Gebet füreinander, zum Mittragen und gemeinsam in Gottes Liebe versenken?

Das wird eure Mitarbeitergemeinschaft vertiefen, euch miteinander helfen und eure Mitarbeit verändern.


Heiko Metz

Heiko Metz

war Jugendpastor, Landesreferent für die Arbeit mit Kindern und hat eine Kinderfreizeiteinrichtung für benachteiligte Kinder in einer deutschen Großstadt geleitet. Er engagiert sich bei Compassion als Gemeindereferent und ist Lehrbeauftragter für Gemeindepädagogik/ Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Evangelischen Hochschule TABOR. Er liebt Kaffee, Jaguare (zum Fahren, nicht unbedingt die Tiere), Bücher, Eis, Single Malt Whisky und staunt immer wieder neu über Gottes Liebe zu den Kindern dieser Welt.

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